HÄUSER SUCHEN SICH IHRE BESITZER

Einmal mehr werde ich nicht gefragt. Einmal mehr bleibt meine Meinung ungehört. Dabei bin ich schon seit über 700 Jahren hier. Nicht in der genau gleichen Form, denn nach dem letzten grossen Erdbeben, wurde ich bis auf die Grundmauern abgebrochen, um mich dann auf denselben wieder aufzurichten. Seither steh ich hier und war schon für so viele Menschen ein gutes Dach über dem Kopf, ein heimeliges Zuhause. In meinen Gemäuern vernahm ich manch vertrautes Wort, hörte wie Versprechen gegeben wurden, sah die Tränen von Kindern am Totenbett ihrer Eltern und wurde selbst bewegt von den Freudentränen frisch gebackener Eltern.

Ich war dabei, wenn eifrig diskutiert wurde. Ich konnte Streitereien nicht entfliehen, obschon ich dies manchmal gerne getan hätte. Und habe ich mich über Versöhnung jedes Mal gefreut. In den Küchen schnupperte ich mal feine und mal weniger feine Düfte, dasselbe gilt übrigens für die Badezimmer.

Oft bot ich meinen Bewohnern Schutz vor Kälte und Nässe und, weil meine Gemäuer so dick sind, auch vor grosser Sommerhitze. So manchem verängstigtem Kind, das etwas ausgefressen hatte, bot ich in einer meiner dunklen Ecken Schutz und Geborgenheit. Ich vernahm die Geschichten der Frauen, wenn sie sich in der Waschküche ungehört fühlten. Auf meinem Estrich, indem es so speziell nach Holz riecht, liess ich in all den Jahren viele Kinder auf Entdeckungsreise gehen. Wenn sie durch Spinnweben schlichen, alte vergessene Koffer öffneten, oder sich mit Hilfe von Räuberleitern Zugang zu meinen Dachluken verschafften, um von dort weit über die Stadt zu sehen.

Jetzt soll ich wieder verkauft werden und nicht nur das. Offenbar soll ich auch nicht mehr das Zuhause von vielen Menschen sein. Von dem Mann im grauen Massanzug habe ich gehört, dass er, wenn er den Zuschlag erhalte, allen Mietern kündigen und mich von oben bis unten aushöhlen wolle, um aus mir eine moderne Anwaltskanzlei zu machen. Vielleicht würde er sich in der oberen Etage eine grosszügige Wohnung einrichten, wobei er eigentlich gar keine Lust hätte in mir und mitten in der Stadt zu wohnen; auf dem Land sei es viel schöner. Mein alter Besitzer, Tom, schaute den grauen, massgeschneiderten jungen Mann mit traurigen Augen an. Von seinen Geschwistern hatte Tom den Auftrag erhalten «die alte Hütte», wie sie mich nannten, bestmöglich zu verkaufen. Den grösstmöglichen Profit zu machen, ganz egal, was danach mit den Mietern oder mir geschehen würde. Das Angebot des grauen Mannes schien genau das zu erfüllen, im Gegensatz zu seinen eigenen Plänen, hörte ich Tom im Treppenhaus leise zu sich sagen. Doch angesichts seiner schlechten Gesundheit hatte Tom keine Kraft mehr, sich um weitere Angebote zu kümmern.

Dennoch, zwei Tage später erschien Tom mit einer Dame, der er mich erneut zeigte. Sie ging auf leisen Sohlen von Wohnung zu Wohnung, durch meine Gänge in den Estrich rauf und runter in den Keller, manchmal berührte sie mich an genau den Stellen, die einer Sanierung bedürften, ganz so, als ob sie das spüren würde. Sie blieb an Orten stehen, ohne ein Wort zu sagen, und betrachtet mich aus Perspektiven, die vor ihr noch kein anderer Interessent gesehen hatte. Und sie sprach zu mir, als würde sie mich – ein Haus! – verstehen und wahrnehmen können. Vor meiner Haustür betrachtete sie mich nochmals eindringlich und ich hörte wie sie zu Tom sagte, er brauche sich keine Gedanken zu machen. Für dieses wunderbare Haus hätte sie den richtigen Nachfolger, denn Häuser und Wohnungen, suchen sich ihre Besitzer immer selbst aus! Die Kunst liege allein darin, die richtigen Menschen mit den richtigen Häusern zusammen zu bringen. Und das sei ihre Berufung.

Als die Dame auf ihr Fahrrad stieg und ich ihr mit meinem Oberlicht noch nachblickte, bin ich mir sicher, dass sie genau das kann! Und ich spürte, wie sich Erleichterung und sogar ein bisschen Neugierde auf meine neuen Besitzer einstellte.

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